Zum Gedenken an einen Freund und Kollegen

 

Axel Reinhardt ist tot. Obwohl wir näheren Freunde seit Beginn diesen Jahres wussten, dass es mit Axel auf das Ende zugeht, war dann die unmittelbare Nachricht darüber, dass Axel Reinhardt am Montag, dem 4. März 2013 seinen Lebenslauf beendet hatte, erschütternd. In die Trauer um den verlorenen Freund mischt sich seitdem der Schmerz über den Verlust eines Kollegen, der in seiner Einmaligkeit unersetzbar ist und der uns fehlen wird, wenn es um die komplizierten Fragen unseres Faches und die komplizierter gewordenen Probleme der Integration unseres Tätigseins in die immer technokratischer ausgerichteten Medizinfächer geht, in denen wir als Musiktherapeuten wirksam sein wollen und wirksam sind. Nicht zuletzt bedeutet Axel Reinhardts Tod für uns auch den Verlust des wohlwollenden emotionalen Beistand eines nicht nur theoretisch äußerst fundierten Fachmanns, sondern auch eines seit vielen Jahren mitten in der musiktherapeutischen Praxis erfahrenen Kollegen.

 

Zum Gedenken an einen Freund und Kollegen - Axel Reinhardt
V.r.n.l. Axel Reinhardt, Hartmut Kapteina, Christoph Schwabe
Foto aus den 90er Jahren

Axel Reinhardt hat seit mehr als drei Dezennien die Geschicke der Musiktherapieentwicklung vor allem im Osten Deutschlands mit geprägt und gestaltet.

 

Nach seinem Musikstudium in Leipzig und seiner musiktherapeutischen Ausbildung an der Klinik für Psychotherapie der Universität Leipzig, war Axel Reinhardt kurzzeitig tätig an der Kinderneuropsychiatrischen Klinik der Leipziger Universität. Danach ging er als Musiktherapeut an die Medizinische Akademie „Carl Gustav Carus“ nach Dresden, wo er an der Psychiatrischen Klinik bei deren Ärztlichem Direktor, Professor Ehrig Lange, einen wohlwollenden fordernden und fördernden Chef fand.

 

Die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren auf musiktherapeutischem Gebiet geprägt durch eine Vielzahl von Ausbildungsaktivitäten, die von der Sektion Musiktherapie der Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie der DDR selbstverantwortlich gestaltet wurden und die ein sehr breites Interesse fanden. Hier fand Axel Reinhardt im erfahrenen Ausbildungsteam bald seinen Platz und eine hervorragende Position, weil sich sehr rasch seine außergewöhnlichen Fähigkeiten in der Weitervermittlung seines Faches an Studenten zeigten. In dieser Tätigkeit, die ihre Wurzeln nicht zuletzt in einer unmittelbaren klinischen Praxisverbundenheit hatte, entwickelte sich auch Axel Reinhardts kluger Geist für methodologische Fragestellungen unseres Faches, was zahlreiche Veröffentlichungen belegen.

 

Axel Reinhardt war nicht nur im Vorstand der damaligen Sektion Musiktherapie der Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie der DDR aktiv tätig; er war auch einer der Mitbegründer der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung Ost. In der Funktion als Vorstandsmitglied der DMVO e. V. (heute DMVS e. V.) und in der eines Dozenten an der 1992 gegründeten Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen war Axel Reinhardt auch maßgeblich beteiligt am Zustandekommen der sogenannten Kasseler Thesen zur Musiktherapie, mit der sich die deutschen Musiktherapeuten trotz sehr unterschiedlicher Fachauffassungen auf eine gemeinsam erarbeitete und verbindlich geltende Definition der Musiktherapie einigten. Nicht zuletzt dadurch wurde Axel Reinhardt über die engeren sächsisch-thüringischen Grenzen seines unmittelbaren Wirkungsgebiets hinaus in ganz Deutschland bekannt und geschätzt.

 

Als Schreiber dieser Zeilen und einer der engsten Freunde, werde ich beim Zurückdenken erinnert an so manche Abendgestaltung im Kreise von Musiktherapie-Lehrgangsteilnehmern in Friedrichroda, in Brandenburg, im Erzgebirge, im Harz und anderswo. Da hörten wir bei der Bewegungsimprovisation nicht selten den von den Puhdys gesungenen Song aus dem Film „Die Legende von Paul und Paula“, wo es im Text von Ulrich Plenzdorf heißt:

 

„Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt,
sagt die Welt, es wird Zeit, dass er geht.“
Und dann weiter:
„Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu’n.
Bäume pflanzen, Bäume abhau’n
Leben und Sterben und Streit…“

 

Christoph Schwabe, im März 2013